12.12. – Christian Struber

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Pflege in Österreich: Leider nicht sexy!

Im Advent-Podcast „24 Tage, 24 Menschen, 24 Geschichten“ spricht Showhost Sascha Ladurner mit Christian Struber. Der Salzburger ist Präsident des Hilfswerks Salzburg, ehemaliger Bürgermeister und kennt die Pflege sowohl aus der politischen als auch aus der praktischen Perspektive. Im Gespräch geht es darum, wie Pflege in Österreich organisiert ist, welche Rolle pflegende Angehörige spielen – und warum dieser Bereich zu einem der wichtigsten Zukunftsmärkte wird.

Wer alle Details und Beispiele im Original hören möchte, kann die Podcastfolge direkt hier im Player anhören.

Wer ist Christian Struber – und was macht das Hilfswerk Salzburg?

Sascha Ladurner stellt seinen Gast als Techniker vor, der früh in die Politik gewechselt ist: Christian Struber war 16 Jahre lang Bürgermeister von St. Koloman bei Hallein und ebenso lange hauptberuflich in der Salzburger Landespolitik tätig. Heute prägt ihn vor allem eine Rolle: Präsident des Hilfswerks Salzburg.

Das Hilfswerk ist einer der größten Anbieter sozialer Dienstleistungen im Bundesland: rund 1.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ein Marktanteil von über 50 Prozent in der Hauskrankenpflege und Haushaltshilfe. Dazu kommen Kinderbetreuung, Jugendzentren und die Führung von Alten- und Pflegeheimen.

Portrait von Christian Struber
Foto: Neumayr/Leo

Die Hauptlast der Betreuung und der Pflege leisten die Angehörigen.“

Genau diese Angehörigen sind für Christian Struber der eigentliche Kern des Systems – und viel zu selten im Fokus, wenn über Pflegepolitik diskutiert wird.

Wie Pflege in Österreich organisiert ist – und warum Salzburg anders tickt

Sascha Ladurner bittet Christian Struber, das Pflegesystem kurz einzuordnen. Grundsätzlich unterscheidet er zwei Bereiche:

  • stationäre Pflege in Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern oder Reha-Kliniken
  • mobile Pflege zu Hause – von Hauskrankenpflege bis Haushaltshilfe

Im Bundesland Salzburg beziehen rund 26.000 Menschen Pflegegeld. Etwa 5.000 leben in stationären Einrichtungen, der große Rest – rund 21.000 – wird zu Hause in den eigenen vier Wänden betreut. Österreichweit sind es bereits mehr als 500.000 Menschen mit Pflegegeld, etwa 80 Prozent von ihnen leben ebenfalls zu Hause.

Wenn man sagt, jede dieser Personen hat zumindest zwei Angehörige, dann reden wir von über einer Million Menschen, die direkt betroffen sind.“

Besonders interessant ist der Blick auf die Organisation: In manchen Bundesländern entscheidet die öffentliche Hand, welche Organisation in welchem Bezirk zuständig ist. Salzburg hat ein anderes Modell: Menschen können ihren Dienstleister selbst wählen. Aus Sicht von Christian Struber sichert das Qualität und Wettbewerb – und gibt pflegenden Angehörigen mehr Gestaltungsspielraum.

Pflegende Angehörige als Rückgrat – und als Zukunftsressource

Im Gespräch mit Sascha Ladurner wird deutlich, wie groß die Leistung jener Menschen ist, die Angehörige zu Hause pflegen. Sie reduzieren Arbeitszeit, verschieben berufliche Pläne oder steigen ganz aus dem Job aus – oft ohne große Unterstützung.

Das Hilfswerk versucht, diesen Alltag so gut wie möglich zu entlasten:

  • durch mobile Hauskrankenpflege nach ärztlichen Vorgaben
  • durch Haushaltshilfen, die den Alltag strukturieren
  • durch Beratungsangebote, wenn ein Krankenhausaufenthalt endet und plötzlich alle Fragen offen sind

Gleichzeitig sieht Christian Struber in pflegenden Angehörigen eine wichtige Ressource für den Arbeitsmarkt Pflege. Viele hätten über Jahre Erfahrung gesammelt und könnten sich vorstellen, den Schritt in einen

Wir glauben, dass ein spürbarer Teil dieser Million pflegender Angehöriger später auch hauptberuflich in der Pflege andocken könnte.“

Ein Baustein dafür ist die Pflegelehre: In drei Jahren werden junge Menschen zur Pflegeassistenz ausgebildet, mit klarer Perspektive in Richtung Fach- oder Diplompflege. Salzburg baut dieses Modell erst auf, Tirol ist hier schon länger unterwegs. Die Nachfrage nach Lehrstellen ist hoch – ein Zeichen, dass Pflege auch als Beruf zunehmend attraktiv wird.

Wohnen, Tageszentren, Kurzzeitpflege – was zwischen Zuhause und Heim fehlt

Sascha Ladurner lenkt das Gespräch auf die Infrastruktur. Christian Struber macht deutlich, dass es in Zukunft nicht nur mehr Personal, sondern auch andere Wohn- und Betreuungsformen braucht.

Zwischen der eigenen Wohnung – oft nicht barrierefrei – und dem klassischen Altenheim klafft eine Lücke. Diese Lücke sollen betreute Wohnungen, Seniorentageszentren und Kurzzeitpflege schließen:

  • Betreutes Wohnen bietet eigenständiges Leben mit Unterstützung in Reichweite.
  • Tageszentren ermöglichen pflegenden Angehörigen „freie Tage“ für Arbeit, Behördenwege oder Erholung.
  • Kurzzeitpflege schafft Lösungen, wenn Angehörige auf Urlaub fahren oder kurzfristig ausfallen.

Für betreutes Wohnen nennt Struber eine Faustregel: Pro 1.000 Einwohner etwa zehn Wohneinheiten. Davon ist man in vielen Regionen noch weit entfernt. Gleichzeitig steht eine Investitionswelle bevor: Viele Altenheime stammen aus den 1970er- und 1980er-Jahren und müssen baulich, energetisch und hygienisch auf heutigen Stand gebracht werden. Pflege ist damit auch ein erheblicher wirtschaftlicher Faktor – vom Bau über Energie bis zu Dienstleistungen.

Snapshot aus dem interview

Pflege ist leider nicht sexy, wird von allen vor sich her geschoben. Ich beschäftige mich dann, wenn es so weit ist – und dann soll man innerhalb kurzer Zeit Wunder wirken.“

Pflege neu erzählen – drei Schritte für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Zum Schluss fragt Sascha Ladurner nach einem Wunschzettel für die Pflege. Christian Struber formuliert drei Punkte, die er für entscheidend hält:

  1. Image drehen
    Pflege dürfe nicht länger nur mit Überlastung und Skandalen verbunden werden. Medien, Politik und Verbände müssten das Thema auch positiv erzählen: als solidarische Aufgabe, als sinnvollen Beruf, als Bereich mit Zukunft.
  2. Angebote sichtbar machen und vernetzen
    In vielen Bundesländern gibt es bereits gute Initiativen für pflegende Angehörige – von Beratungsstellen bis zu Entlastungsdiensten. Was fehlt, ist eine gemeinsame Plattform, auf der diese Angebote österreichweit sichtbar sind und voneinander lernen.
  3. Aus- und Weiterbildung massiv ausbauen
    Pflegelehre, Umschulungen für Menschen aus anderen Branchen, gezielte Programme für arbeitslos gewordene Dienstleister – all das sieht Struber als Hebel, um den Personalbedarf zu decken. Wer bisher im Handel Kundinnen beraten hat, könne mit der passenden Ausbildung auch in der Pflege arbeiten.

Am Ende bleibt für ihn ein klarer Auftrag: Pflege ist kein Randthema, sondern eine der zentralen Zukunftsfragen für Österreich – gesellschaftlich, wirtschaftlich und menschlich.

Das ganze Gespräch können Sie auch gleich hier nachhören:

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Der Song zum Podcast ist „Help“ von The Beatles

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Der Podcast wird produziert von der Agentur Quickdraw Podcasts

Diese Podcastserie entsteht mit Unterstützung des ÖGV – Österreichischer Gewerbeverein

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